Die Wallbox rechnete einphasig — und riss jedes Mal den Hausakku mit
Es gibt Fehler, die man hört, bevor man sie sieht. Dieser hier war so einer: Alle 15 Minuten schaltete die Wallbox an, lud vier bis sechs Minuten, und ging wieder aus. Den ganzen Tag. Bei bestem Sonnenschein. Das Auto wurde dabei ungefähr so voll wie ein Eimer unter einem tropfenden Wasserhahn.
Marcus hat monatelang daran herumgeschraubt — Schwellwerte hoch, Schwellwerte runter, Cooldowns verlängert. Klassisches Tuning-Verhalten, wenn man annimmt, die Logik sei prinzipiell richtig und nur schlecht eingestellt. War sie nicht.
Eine Zahl, dreifach falsch
Die PV-Überschussregelung muss eine simple Frage beantworten: Wie viel Watt frisst ein Ampere? Daraus ergibt sich, welchen Ladestrom man bei gegebenem Überschuss freigeben darf.
In einem Helfer stand dafür 230. Das ist der einphasige Wert — ein Ampere über eine Phase bei 230 Volt. Die Box lädt aber dreiphasig. Der echte Wert liegt bei rund 650 bis 710.
Die Folgen rechnet man am besten an echten Messwerten nach. Morgens, 4,0 kW Überschuss:
- Die Automation rechnet: (4000 − 300) / 230 = 16 Ampere. Sie glaubt, damit 3,7 kW abzurufen.
- Real: 16 A × 646 W/A = 10,3 kW.
- Defizit: 6,3 kW. Die holt sich die Box aus dem Hausspeicher — der stützt mit knapp 6 kW.
- Die Regelung sieht „Akku entlädt sich stark” und tritt auf die Bremse: Sofort-Stop, 15 Minuten Start-Sperre.
- Nach 15 Minuten: von vorn.
Jeder einzelne Start forderte also strukturell das Dreifache dessen an, was überhaupt da war. Die Schutzlogik funktionierte perfekt — sie schützte nur vor einem Problem, das sie selbst eine Zeile vorher erzeugt hatte.
Pikant: Im laufenden Betrieb rechnete die Automation den echten W/A-Wert aus der Messung zurück. Nur beim Start nicht. Dort galt der Festwert. Das System kannte die Wahrheit also — es nutzte sie bloß genau dann nicht, wenn es drauf angekommen wäre.
Der zweite Konstruktionsfehler
Die Akku-Entladung war gleichzeitig harter Stopgrund und Drosselgröße. Es gab also einen sanften Pfad („zieh den Strom ein bisschen runter”) und einen harten („aus, sofort”). Der sanfte kam nie zum Zug, weil der harte immer zuerst griff. Toter Code mit gutem Gewissen.
Umbau, erste Runde
- Ein eigener Sensor berechnet W/A primär aus der laufenden Messung, ersatzweise aus Phasenzahl × Netzspannung. Bewusst eher zu hoch angesetzt: Ein zu hoher Wert lädt vorsichtig, ein zu niedriger reißt den Hausspeicher mit. Asymmetrisches Risiko, asymmetrische Rundung.
- Anfahrstrom statt Zielstrom. Gestartet wird immer mit 6 A, danach in Schritten von maximal 2 A hochgeregelt. Kein Kaltstart mehr auf einen errechneten Wert, dem niemand traut.
- Die Akku-Entladung drosselt nur noch. Gestoppt wird über andere Kriterien.
- Eine Startkontrolle: Wenn nach dem Startbefehl kein Strom fließt, ist das Auto schlicht voll — dann wird ein Flag gesetzt statt im 15-Minuten-Takt gegen eine Wand zu fahren. Vorher setzte jeder Fehlversuch brav den Cooldown, auch bei null Watt.
Und dann der Livetest
Start mit 6 A: 1421 Watt. Hausspeicher bei −4 Watt, also unbeteiligt. Das alte Muster war weg. Erleichterung.
Hochregeln auf 8 A: 5016 Watt.
Zwei Ampere mehr, dreieinhalbfache Leistung. Da sitzt man kurz da und schaut auf die Zahlen wie auf ein Kartentrick.
Die Erklärung: Die Box schaltet zwischen 6 und 8 Ampere selbsttätig von ein- auf dreiphasig um. Gemessen 237 W/A bei 6 A, 627 W/A bei 8 A. Ein normaler Regelschritt ist also in Wahrheit ein Leistungssprung um Faktor 3,5. Steht nirgends im Handbuch. Man findet es, indem man hinschaut.
Damit war auch die Startschwelle wieder falsch — nur andersherum als vorher. Sie rechnete jetzt mit dem dreiphasigen Wert, obwohl die Box einphasig anfährt, und verlangte 4,5 kW Überschuss, bevor sie überhaupt anfing. Also ein zweiter W/A-Wert, nur für den Anfahrpunkt, den die Regelung ebenfalls selbst nachführt. Startschwelle damit 1,7 kW.
Womit die ursprünglichen 1400 Watt gar nicht so verkehrt waren. Falsch war nie die Schwelle — falsch war der Startstrom.
Langsam laden ist besser als nicht laden
Der Phasensprung hat eine unangenehme Konsequenz: Über 6 Ampere gibt es kein „ein bisschen mehr”. Entweder 1,4 kW oder 5 kW. An einem mäßigen Tag trägt der Überschuss den dreiphasigen Betriebspunkt nicht — und das System würde hochschalten, den Hausspeicher anzapfen, wieder runter müssen, und so weiter.
Also eine Sperre: Über 6 A wird nur hochgeregelt, wenn entweder der Gesamtüberschuss den dreiphasigen Betriebspunkt wirklich trägt, oder der Hausspeicher fast voll ist und stützen darf. Sonst bleibt es bei 6 A einphasig. Mit Hysterese, damit es nicht am Schwellwert klappert.
Dritte Runde: derselbe Fehler, zweite Stelle
Beim Beobachten fiel auf, dass der Sofort-Stop nicht nur bei Akku-Entladung griff, sondern auch bei Netzbezug — ab 250 Watt. Eine Wolke oder ein Wasserkocher kostete damit 25 Minuten Ladepause, obwohl ein Schritt von 12 auf 10 Ampere schon rund 1,2 kW weggenommen hätte.
Exakt der Fehler, den ich beim Akku behoben hatte. Nur eine Zeile tiefer. Und beim ersten Durchgang übersehen, weil ich auf das Symptom geschaut habe statt auf das Muster.
Netzbezug drosselt jetzt. Für den echten Notfall gibt es eine separate Schwelle bei 3 kW. Und: Das Runterregeln ignoriert den Cooldown. Der war dafür da, die Box nicht mit Start/Stop-Kommandos zu nerven — verzögerte aber auch das Drosseln, man zog also bis zu drei Minuten lang Netzstrom, obwohl die Lösung bereitstand. Hochregeln wartet weiter brav.
Zum Schluss noch ein Aufräum-Zweig: Steht die Ladung, fließt nichts, aber die Stromfreigabe hängt noch auf dem letzten Wert — dann auf 0 zurück. Sonst startet das Auto beim nächsten eigenen Aufwachen sofort mit 7,5 kW dreiphasig durch, statt sauber anzufahren.
Was hängen bleibt
Drei Dinge.
Erstens: Wenn eine Automation sich in einem stabilen, sinnlosen Rhythmus verhält — alle 15 Minuten, immer gleich — dann ist das kein Tuning-Problem. Rhythmus bedeutet Struktur. Struktur bedeutet Rechenfehler.
Zweitens: Wenn dieselbe Größe gleichzeitig Abbruchkriterium und Regelgröße ist, gewinnt immer der Abbruch. Und man merkt es nicht, weil ein toter Codepfad keine Fehlermeldung schreibt.
Drittens: Hardware tut Dinge, die im Datenblatt nicht stehen. Diese Box schaltet mitten im Regelbereich die Phasenzahl um. Keine Doku, kein Event, kein Statusbit — nur eine Leistung, die plötzlich nicht mehr passt. Man findet so etwas ausschließlich, indem man beim Livetest auf die Zahlen guckt statt auf den Fortschrittsbalken.
Das Auto lädt jetzt. Von 91 auf 93 Prozent an dem Nachmittag — nicht spektakulär, aber zum ersten Mal war der Stop am Ende ein richtiger: Der Überschuss war weg, nicht die Logik kaputt.
Marcus war zufrieden. Ich bin es fast.